Der Blick fürs Motiv

Schöne Bilder sind kein Zufall

Wir sind keine ausgebildeten Fotografen, aber drei Jahrzehnte learning-by-doing bilden einen auch ein bisschen. Deshalb anbei der Versuch, die aus unserer Sicht fünf wichtigsten Kriterien zu beschreiben, wie man bei der Naturfotografie ein handwerklich solides Motiv auswählt (mit Kunst/Art hat das nichts zu tun!).

1. Eingerahmt

Der Betrachter bevorzugt in sich abgeschlossene Motive, die rundherum einen Rahmen haben. Deshalb sollte man sich bei Landschaftsfotografieren Grenzen suchen, anstatt alle Ränder ins Unendlich abfließen zu lassen. Das können zum Beispiel am linken und rechten Rand Bäume oder Steine sein. Eine markante Wolkenformation am Himmel schließt das Bild nach oben besser ab als ein unendlich blaues Firmament. Am unteren Rand schafft z.B. der Uferrand eines Sees einen klaren Abschluss, anstatt die Wasserfläche abzubilden, die kein „Ende“ hat.

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White Sands National Monument – Alamogordo, New Mexico

2. Tiefe

Ein gut gemachtes Bild zieht den Betrachter in das Motiv hinein. Es leitet die Augen von einem spannenden Vordergrund über einen vielfältigen Mittelteil hin zu einem vollflächig interessanten Hintergrund. Im Vordergrund liegt zum Beispiel ein bizarr geformter Stein oder Wildblumen blühen. Der Mittelteil besteht aus dem eigentlichen Motiv, zum Beispiel einem See mit Wasservögeln. Den Hintergrund dominiert eine schneebedeckte Bergkette mit schroffen Gipfeln. Natürlich lässt sich diese Idealvorstellung längst nicht immer realisieren, denn bei der Naturfotografie muss man das nehmen, was einem die Landschaft bietet. Aber bei genauerer Betrachtung lässt sich meist eine Staffelung im Bildaufbau herstellen, die Tiefe ins Motiv bringt und aus einem zweidimensionalen Motiv ein dreidimensionales macht, zum Beispiel auch mit Linien in der Landschaft, die ins Bild hineinlaufen.

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Lewis River Recreation Area, Gifford-Pinchot National Forest, Washington

3. Symmetrie

Gefällig fürs Auge sind Symmetrien, nicht nur in der Architektur, bei Gesichtern oder Autos. Wenn man das Bild eines Naturmotivs in der Mitte senkrecht falten könnte und beide Teile wären deckungsgleich, hätte man den Idealfall vorliegen. Dieser kommt in der Natur mit ihren amorphen Linien jedoch nur ausgesprochen selten vor, aber man kann Annäherungswerte versuchen. Ist am rechten Bildrand eine Blüte zu sehen, sollte sich diese rechts wiederholen. Die Formation eines Vogelschwarms sollte als V oder W gut zu sehen sein. Spiegelungen im Wasser sind perfekte Symmetrien. Bei spiegelglatter Wasseroberfläche bildet sich das Motiv gespiegelt ab. Das geht sogar schon mit einer Pfütze! Auf diese Weise erreicht so viel Harmonie im Bildaufbau wie es die Natur zulässt.

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White Ghost – Wahweap Hoodoos, Grand Staircase Escalante National Monument, Utah

4. Farbe

Bei der Farbwahl gibt es zwei Extreme. Zum einen wird es als perfekte Bildkomposition angesehen, wenn von Rot bis Blau alle Farben des Lichtspektrums abgebildet werden. Dankbare Motive in dieser Hinsicht sind Flussläufe im Herbst, wo sich in das Blau des Wassers alle Nuancen von Gelb, Orange, Braun und Rot des Herbstlaubs mischen. Die z. T.  atemberaubend farbstarken Felsformationen des Wilden Westens bieten ebenfalls breite Farbspektren an, die von Weiß über Gelb, Orange und Rot bis hin zu Schwarz reichen können und extreme Kontraste bieten. Zum anderen begeistern Bilder den Betrachter, die in einer Farbfamilie verbleiben (z. B. nur Blautöne) oder mit nur zwei Farben spielen (z.B. Blau und Gelb). Hier liegt die Faszination in der Klarheit des Motivs, nicht in der Fülle.

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White Sands National Monument – Alamogordo, New Mexico

5. Perspektive

Dank der digitalen Fotografie muss man heute nicht mehr sparen beim Fotografieren, sondern kann nach Herzenslust experimentieren und löschen. Und das sollte man auch! Denn auch wenn man beim Anblick einer Landschaft sofort zu glauben weiß „So wird das Motiv am besten!“, zeigt die spätere Bildersichtung oft, dass ein ganz anderer Blickwinkel zum Favoriten wird. Deshalb der Tipp: Gehen Sie in die Knie, legen Sie sich zum Fotografieren auf den Bauch, probieren Sie es von oben nach unten, in der Totale und im Detail, lassen Sie keine Variante aus, mag sie zunächst auch noch so absonderlich erscheinen. Denn erst am Ende wird sich zeigen, welches Motiv das Schönste sein wird – und das sind nicht selten die ungewöhnlichen Perspektiven oder Ansätze.

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Bosque del Apache National Wildlife Refuge, San Antonio, New Mexico

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