Campgrounds in den USA

Campen in Campgrounds

Viele Globetrotter publizieren ihre Reiseerlebnisse in Blogs im Internet. Auffallend für uns ist dabei, dass sich selbst welterfahrene Reisende, die von den Wüsten dieses Planeten bis zu den Andenpässen alles erlebt haben, in den USA auf private Campgrounds stellen oder sich Nacht für Nacht auf überfüllten Nationalpark-Plätzen tummeln. Mit dem Ergebnis, dass Kommentare wie „Campen in den USA ist viel schlechter als überall sonst auf der Welt, überfüllt und teuer!“ im Netz stehen. Offenbar ist es zu wenig bekannt, dass man in Amerika an sehr vielen Stellen wild campen kann. Wir sind Leuten begegnet, die seit 12 beziehungsweise 15 Jahren non-stop um den Erdball touren. Aber getroffen haben wir sie nicht etwa an entlegenen Trailheads zu den spektakulärsten Landschaften des Südwestens, sondern in voll erschlossenen Gegenden! Deshalb sei uns Frischlingen an dieser Stelle der Tipp an die Welterfahrenen erlaubt: Wir haben in 15 Monaten USA-Reise nur ein einziges Mal auf einem privaten Campground verbringen müssen. Sonst verleben wir an z. T. traumhaften Plätzen in der freien Natur die Nächte, Sunrise und Sunset inklusive. Mit Blick über tiefe Täler, schneebedeckte Gipfel, spiegelglatte Seen, in denen die Bergketten reflektieren, oder über die Wellenbänder rauer Buchten am Pazifik. Für wenig oder gar kein Geld.

Unter „full hook up“ versteht man im amerikanischen Camper-Jargon die Möglichkeit, sich an seinem Stellplatz an Strom, Trinkwasser und Abwasser anschließen zu können. „Hook up“ allein ist ohne Strom. Weitere Spezialfälle sind „primitive camping“ oder „dry camping“. Beide Begriffe bedeuten: ohne Strom und fließend Wasser. Aber mit einem in vielen Fällen komfortabel ebenen Stellplatz auf festem Untergrund und einer Tisch-Bank-Kombination samt Feuerstelle. Die Toiletten sind „pit toilets“ der modernen Art, gut belüftet und in der Regel penibel sauber gehalten (auch Klopapier ist in 95 % der Fälle vorrätig), aber eben doch nur Plumpsklos.

Das Gros privater Campingplätze im Westen der USA liegt so, dass man nicht mal an der Costa Brava oder in Jesolo so viel Enge und Lärm in Kauf nehmen würde. Viele liegen an Hauptdurchgangsstraße, ja sogar direkt oder zumindest in Hörweite von Interstates. Wir haben uns schon zu der Vermutung veranlasst gesehen, dass die Amerikaner ohne das Dröhnen vorbei röhrender Trucks und klappernder Anhänger gar nicht einschlafen können, und dass die Geräusche wie Wiegelieder sind, die sie in den Schlaf begleiten? Doch mehr noch: Wie die Handtücher am Strand stehen die mehrere hunderttausend Dollar teuren Luxus-Liner auf den Private Campgrounds so dicht, dass man sich von Fenster zu Fenster die Hand reichen kann. Für Reisende, die die Kommunikation suchen, sicher ein Pluspunkt. Für uns ein No-go, denn wir suchen nichts mehr als Ruhe, Einsamkeit und die Option, keine Konversation betreiben zu müssen. Damit sind wir extrem, so viel ist klar. Aber selbst Menschen, die dem Smalltalk mehr zugeneigt sind als wir, können bei dieser Nähe an ihre Grenzen stoßen. Zumal die Big Guys (Fifth Wheeler, Busse) alles rattern lassen, was die Technik hergibt: Generator, Ventilator, Radio. Wer abends beizeiten schlafen möchte, weil er am nächsten Morgen eine Acht-Stunden-Wanderung auf dem Programm hat wie wir, ist „not amused“. Dass so viele Reisende mit ihrem RV auf den privaten Campgrounds landen, muss jedoch seine Gründe haben. Zum einen sind viele klassische Wohnmobile nicht autark ausgestattet. Ganz im Gegenteil, sie sind abhängig vor allem von Strom, damit von der Klimaanlage bis zur Heizung, vom Warmwasser bis zur Innenbeleuchtung und dem Flat-Screen-TV alles auf „full power“ laufen kann. Bei besser ausgestatteten Campgrounds könnten auch die „facilities“ wie Pool oder Café Zugfeder für Gäste sein, manche bieten Abendunterhaltung an. Das macht für Leute, die mehrere Tage oder gar Wochen an einem Platz bleiben wie die Snowbirds, durchaus Sinn. Für Leute, die auf der Durchreise sind und so gut wie jeden Abend an einem anderen Platz verbringen wie wir, bietet sich allein schon zeitlich nicht die Gelegenheit, diese Angebote zu nutzen. Denn mit Kochen und anderen „Hausarbeiten“, die tagsüber wegen Fahrzeiten und Outdoor-Aktivitäten liegen bleiben, sind die Abende mehr als schnell vorbei. Obendrein legt man sich als Naturreisender einen Tagesrhythmus zu, der eng an Sonnenaufgang und –untergang gekoppelt ist. Man geht früh zu Bett, was so gar nicht zu den Abendaktivitäten der Campingnachbarn passt.  Ergo muss jeder für sich selbst entscheiden, ob er die Annehmlichkeiten privater Campingplätze tatsächlich nutzen kann und diese die negativen Aspekte überwiegen. Und ob er bereit ist, dafür deutlich mehr zu bezahlen. Denn die privaten Campgrounds gehen ab ca. $ 25  pro Nacht los, können aber auch $ 50  und mehr kosten. Für uns haben sie diesen Mehrwert nicht, weshalb wir am liebsten in der Wildnis stehen.

In National Parks und National Monuments darf ausdrücklich nur in den „designated areas“ gecampt werden oder, noch enger gefasst, „camp only in campgrounds“. Mit Schildern wie „no overnight camping“ werden auch alle Parkplätze gesperrt, denn selbst das Schlafen im Pkw ist außerhalb der Campingplätze hier weder erwünscht noch gestattet. In den meisten National Recreation Areas und State Parks gilt das Gleiche. Hier muss man die offiziellen Campgrounds ansteuern. In National Forests hat man die Wahl: Entweder man stellt sich auf einen der einfachen Campgrounds oder sucht sich ein wildes Plätzchen im Wald. In OHV areas (Off Highway Vehicles) stellt man sich für die Nacht ganz automatisch auf die explizit ausgewiesenen Areale, da man sonst Gefahr läuft, von den ATV’s und Enduros über den Haufen gefahren zu werden. Denn die gehen auch nachts im Funzellicht ihrer Dreck verklebten Mini-Scheinwerfer auf full speed. In den allermeisten National Wildlife Refuges gibt es keine Campingmöglichkeiten für Fahrzeuge und wildes Campen ist nicht erlaubt, da diese Gebiete in erster Linie als Rast- oder Brutplätze für Wildtiere erhalten werden (warum dann allerdings die Jagd erlaubt wird, bleibt uns schleierhaft?!). Für Wilderness Areas sind in der Regel Permits für einen „overnight backcountry stay“ notwendig, die sich aufs Zelten beschränken und nicht für den Verbleib im Auto gelten. Permits sind in der Regel für den gleichen Tag in Ranger Stations oder Visitor Centern zu haben. Diese Genehmigungen haben, so unsere Erfahrung, weniger das Ziel, die ohnehin geringen Besucherzahlen zu limitieren, sondern man möchte einfach wissen, wer sich im Gebiet aufhält. Auch zur eigenen Sicherheit der Besucher. Sollten sie in Schwierigkeiten geraten oder verloren gehen, können die Ranger vermisste Personen über die Anmeldedaten besser lokalisieren oder Verwandte benachrichtigen, denn man wird für stets nach einer Telefonnummer verwandter Personen gefragt. Wir werten die Permit-Regeln deshalb nicht als Kontroll-Instrument, für die die USA nicht erst seit der NSA-Affäre einen schlechten Ruf genießen, sondern als Selbstschutz. Denn auch, wenn man regelmäßig Mails an Familie und Freunde schickt, die genaue Route oder das Tagesziel gibt man an sie meist nicht durch und Hilfe kann nur vor Ort organisiert werden.

Die Kosten für staatliche Campgrounds sind ausgesprochen moderat. Bis 2015 liegen die Preise für National Park Campgrounds bei $ 18 bis 25. In National Forests kostet eine Nacht $ 10 bis 15, was Bundesstaaten wie New Mexico, Oregon oder Utah betrifft. In Colorado kann der Wert auf $ 18 bis 20 pro Nacht ansteigen, in California auf $ 25 bis 35, an der Küste sogar darüber. In den Wintermonaten erlauben manche National Forests das Campen auf den Campgrounds zum „Rabattpreis“ von zum Beispiel $ 5, wenn die Mülltonnen bereits letztmalig entleert, die Pit Toilets verschlossen sind. Wer ohnehin autark unterwegs ist wie wir, freut sich über diese „Schnäppchenangebote“. State Parks liegen in der Regel über $ 20, dafür sind sie  vergleichsweise hochwertig ausgestattet mit gut befestigtem Untergrund und „pull through sites“,  in die man nicht rückwärts einparken muss, sondern vorwärts hindurchfahren kann. Ebenfalls zum Standard gehören in der Regel komfortable, beheizte (!) Waschhäuser mit Duschkabinen, die gegen bare Münze heißes Wasser spenden.

Das Bezahlen auf staatlichen Campgrounds könnte komfortabler nicht sein. Mit der „self registration“ meldet man sich selbst an, nachdem man einen freien Stellplatz gefunden hat. Dazu liegen am „registration board“ am Eingang in wetterfesten Boxen Umschläge bereit.  Man zieht einen, füllt die wenigen Felder aus (Name, Autokennzeichen, An- und Abreisedatum, Geldsumme), reißt den „tag“ ab, legt die entsprechende Summe in Bar hinein, klebt den Umschlag zu und wirft ihn in eine Dropbox. Geht schnell und ist ganz einfach. Der „tag“ (Abrisszettel) wird am Pfosten der Campsite angeklemmt. Der „campground host“, zumeist ein Volunteer, leert die Box regelmäßig, und überprüft, wer bezahlt hat. Beim Rundgang über den Campingplatz schreibt er anschließend meist groß das Datum auf den „tag“ – sehr hilfreich, wenn man selbst auf der Suche nach einem freien Platz ist. Erste und wichtigste Grundregel beim Campen in den USA: Man bescheißt nie und zahlt immer! Auch wenn es für uns Europäer inzwischen zum Sport geworden ist, möglichst viel umsonst zu ergattern. Der Amerikaner ist hier sehr ehrlich und zahlt die Campinggebühr beim „self register“ immer. Auch wenn kein „camp host“ da ist, der kontrolliert! Ob die Scheine immer richtig abgezählt sind, die in die Umschläge wandern, wissen wir nicht, aber jeder zahlt zumindest irgendetwas! Zechprellerei haben wir nie erlebt. Nur ein einziges Mal in Utah verrät uns ein Ranger, dass die geschlitzten Eisensäulen, in denen die Umschläge gesammelt werden, wiederholt geplündert wurden. Aber das steht ja auf einem anderen Blatt als die Zahlungsmoral der Reisenden, die nach unserer hundertfachen Erfahrung über jeden Zweifel erhaben ist. Ein gänzlich ungewolltes Missgeschick passiert uns in Sachen „self registration“ durch die internationalen Unterschiede, ein Datum zu schreiben. Montag, 6.10., Steamboat Springs: „Wir schieben als Zwischenstopp den Fish Creek Falls bei Steamboat Springs ein. Ordnungsgemäß fülle ich den Envelope mit $ 5 Tagesgebühr aus, werfe ihn in die Box und lege den Abriss hinter die Windschutzscheibe. […] Zurück auf dem Parkplatz fahre ich mir einen ziemlichen Rüffel von einem jungen Herrn in Uniform sein, dass unser Ticket ja wohl vom Juni und somit ungültig sei! Ob wir das Schild nicht gesehen hätten? Doch, aber wir Europäer schreiben das Datum der Reihenfolge nach: erst den Tag, dann den Monat. Und nicht „verkehrt herum“ wie die Amerikaner (was freilich komplette Ansichtssache ist, wer’s richtig und wer’s falsch macht…). Der Irrtum klärt sich rasch auf und wir nehmen Kurs auf den Ort Radium.“

So viel zur gängigen Praxis beim Camping. Wer im Herbst und Winter unterwegs ist wird jedoch auf ein ganz anderes „Problem“ stoßen: Viele Campingplätze sind bereits geschlossen und mit einer Schranke an der Zufahrt versperrt. Wer für eine Nacht unerlaubt auf Ausweichparkplätzen oder vor Schranken stehen bleiben, stört in der Regel niemanden. Die Hauptreisezeit ist vorbei, überall sind nur wenig Reisende unterwegs. In unserer gesamten Reisezeit von am Ende 15 Monaten klopft es an einem „illegalen“ Standplatz bislang nur zwei Mal morgens an der Tür. Wir werden von einem freundlich lächelnden Gesicht gefragt, ob wir hier übernachtet hätten? Ja, antworten wir ehrlich, um eine Alternative anzusteuern, sei es bereits zu spät gewesen. Als Reaktion sagt man uns, das sei schon o.k. Aber länger dürften wir nicht bleiben, da und dort gäbe es Campingmöglichkeiten. Geht klar! Kein Ärger, keine Strafe, die Offiziellen sind kulant. Zumindest in der Nebensaison. Denn nach unserer Einschätzung halten Amerikaner Regeln nicht um der Regeln willen ein, sondern dann, wenn sie Sinn machen. Ein wesentlicher Unterschied zu unserem Heimatland! Die Touristenströme im Sommer erfordern Regeln, damit es nicht allabendlich Verkehrschaos und Prügeleien um die Standplätze gibt. Sind dagegen nur ein oder zwei Autos vor Ort, sieht man die Vorschriften recht entspannt. Mittwoch, 13.10.: Es sind kaum 5 Meilen bis zum Campground und wir finden schnell einen schönen Platz, den wir noch nicht einmal bezahlen müssen. Just als wir den Envelope holen möchten, fährt ein Ranger vorbei und sagt, wenn keine Umschläge verfügbar seien, müssten wir auch nichts bezahlen. Das sei schon o.k. so, für eine Nacht. Auch gut!“

So weit zu den positiven Aspekten. Die negativen ereilen uns regelmäßig, wenn wir gezwungen sind, auf Campgrounds in National  Parks zu nächtigen. Denn hier steht man inmitten der Big Guys und ihren Generatoren. Die konservativ eingestellten National Parks bieten keinen „full hook up“ mit Stromanschluss an. Ergo lässt jeder brummen bis spät in die Nacht. Egal, ob es „quiet hours“ gibt. Und in der kalten Jahreszeit, wenn die Heizungen laufen sollen, ist sich jeder selbst der nächste. Vermutlich auch im Sommer, wenn die Klimaanlagen ihren Auftritt haben, aber dazu haben wir keine Erfahrungen. Dienstag, 8.11.: “Im Canyon de Chelly fahren wir auf den fast leeren Campground. Gegen 19 Uhr macht unser Bus-Nachbar seinen lärmenden Generator an. Und stellt ihn nicht wieder aus. Um 21 Uhr platzt mir der Kragen, ich gehe raus und klopfe an der Fronttür. Keiner macht auf. Also gehe ich zurück und schlage vor, unseren Camper umzuparken, was wir sogleich tun, um dem Lärm einigermaßen auszuweichen. Als am neuen Platz der Lärm immer noch unerträglich ist, platzt H.P. der Kragen. Er läuft hin, klopft an der Schlafkabine und es macht jemand auf, der den Generator ausstellt.“ Anderes Beispiel, Mittwoch, 3.10., Yosemite National Park: „Ein Rumms reißt uns aus dem Tiefschlaf. Die Müllabfuhr auf dem Crane Flat Campground verrichtet ihren Dienst. Tonnen hochheben und mit einem Schlag der Deckel ausleeren.“ Einer der „Härtefälle“ passiert im Grand Canyon National Park. Wir haben seit Monaten die Wanderung hinab zum Colorado geplant, Bright Angel Trail runter, South Kaibab wieder hoch, 1500 Höhenmeter, ca. 24 Kilometer, 9:45 Stunden (Band 3). Wir brauchen eine erholsame Nacht, um fit in den Tag starten zu können. Und was steht neben uns? Ein Wohnmobil, das die ganze Nacht den Generator laufen lässt. Ob ich wegen des Lärms oder vor Wut nicht schlafen kann, weiß ich heute nicht mehr. Samstag,13.10., Grand Canyon National Park: “Da für unseren Camping-Nachbarn die Ruhe-Regeln offenbar nicht gegolten haben (generator hours until 8 p.m.), läuft sein Generator von 2 Uhr morgens an ununterbrochen – bis 5 Uhr, als wir mit Wecker aufstehen. Entsprechend gerädert und stinksauer sind wir […]. Am Abend am Campground zurück, konfrontieren wir einen Offiziellen mit dem Generator-Problem, das er recht lässig mit einem „das komme regelmäßig vor“ abtut, und uns auf dem kleinen Dienstweg auf Nr. 114 umbucht.“

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