Wie wir reisen

Psychologie des Langzeitreisens

Wie kommt man eigentlich Monate lang in einem engen Camper zu Zweit zwischenmenschlich klar? Gibt es auf Reisen nicht öfter mal Streit? Kleine Zankereien natürlich. Aber H.P. ist im Sternzeichen Waage und weiß sehr geschickt, Tanjas Steinbock-Aufbrausen zu zähmen. Außerdem bringen wir von zu Hause viel Übung mit, denn wir arbeiten und leben zusammen, 24 Stunden am Tag, seit über 20 Jahren. Wir haben deshalb eine top entwickelte Streitkultur, die meisten Zwistigkeiten, die der Alltag so mit sich bringt, sind alte Bekannte, die wir schon mehr als einmal ausgefochten haben. Positiv ist, dass wir beide problemlösungsbereit und hartnäckig sind. Jeder gibt zu jeder Zeit sein Bestes, um Schwierigkeiten zu beheben und lässt den anderen nicht mit Ärgernissen im Regen stehen. Wir packen gemeinsam an und hüten uns vor gegenseitigen Schuldzuweisungen wie „Du wolltest doch diese Abzweigung nehmen und jetzt haben wir den Platten?!“. Wenn wir gleichberechtigt über die Reiseroute entscheiden, tragen wir auch gleichberechtigt die Verantwortung und müssen, wie in Australien, unseren Mietwagen drei Stunden lang gemeinsam aus dem Sand ausbuddeln.

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Big Pocket, Upper Salt Creek, Canyonlands, Needles District, Utah

Leben ohne News

Vermisst man während einer dreimonatigen Reise ohne Tageszeitung und Fernsehen, abgeschieden und abseits der Städte, nicht die täglichen Nachrichten zum Weltgeschehen?
Nein, überhaupt nicht. Sogar ganz im Gegenteil. Wir sind froh, der Informationsflut zu entfliehen. Global betrachtet, ist die Weltpolitik für jeden einzelnen Menschen wichtig, weil prägend. Aber faktisch betreffen uns Individuen die politischen Entscheidungen selten unmittelbar. Deshalb reicht es in den allermeisten Fällen, wenn wir gelegentlich von Freunden und Familie eine Kurzzusammenfassung erhalten. Und die fällt nicht selten folgendermaßen aus: „Mmmh, tja, was war denn das Wichtigste? Ach ja, für „Wetten, daß…“ gibt es immer noch keinen Nachfolger für Thomas Gottschalk.“ O.k., dann haben wir nicht wirklich viel verpasst?! Zudem werden die Meldungen für unseren Geschmack immer mehr aufgebläht und alles zehn Mal in epischer Breite durchgekaut, was in wenigen Sätzen zusammenfassend zu sagen wäre. Wir sind ergebnisorientiert, es reicht, wenn wir die Endaussage kennen, die Zwischenschritte sind nur bedingt von Interesse. So reift mit den Reisejahren die Überzeugung, dass wir es auch im entlegensten Winkel der Erde mitbekommen würden, wenn Dramatisches wie Kriege oder Naturkatastrophen passieren. Schließlich spricht man mit Leuten, hält an Tankstellen, kann das Radio einschalten, guckt ins Internet. Zwar erfahren wir die Dinge nicht live in Echtzeit, aber sicher frühzeitig genug. Die vielen Stunden Nachrichtenkonsum pro Woche, die in Europa üblich, ja gesellschaftliches Dogma sind, können wir uns sparen. Uns genügt eine gelegentliche Status-Quo-Meldung. Schließlich nehmen wir auf Reisen so viel Informationen und Eindrücke täglich auf, die unsere Gedanken aktiv halten und oft so mannigfaltig sind, dass wir Wochen brauchen, um sie zu „verarbeiten“. Von Langeweile in den Synapsen deshalb keine Spur. Wir gehen mit wachen Augen durch die Lande, analysieren bewusst und unbewusst die Landschaften, die Vegetation, versuchen die Zusammenhänge in den Ökosystemen zu verstehen. Das bindet genug Kapazität, damit unsere Gehirnströme auch ohne Merkel, Obama, Trump und Co. die Nadeln ausschlagen lassen.

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Valley of Fire State Park, Nevada

Man eckt an

Als Langzeitreisender weicht man stark vom Standard ab. Das erregt Argwohn, man eckt überall an (nicht nur bei Freunden, die sich fragen, wie man sich so viel Luxus nur leisten kann…). Die Schikanen gehen schon damit los: Wir reisen mit Hund. Die ärmste… Wie kann man dem Tier nur so eine Tortur antun? Dabei liegen vor unserer Hündin viele Wochen mit uns in freier Wildbahn. Der schönste „Urlaub“ für einen Hund, den man sich vorstellen kann! Wir wollen drei Monate bleiben? Sehr suspekt!!! Haben die zu Hause keine Arbeit? Wollen die wohlmöglich illegal einreisen? Ein dreimonatiger Urlaub, wo gibt’s denn so was?! Gut, dass wir über das B1/B2-Visum schon vor einem Konsulat bewiesen haben, dass wir keine Auswanderer sind. Wir haben zwei Laptops dabei inklusive aller technischen Beigeräte. Ein ganzes Mobile Office. Wozu braucht man das denn als Urlauber? Mehr als verdächtig! Der Grund ist so simpel wie unverdächtig: Wir sind keine Urlauber, sondern Reisende. Und da wir in Deutschland eine Firma führen, haben wir einfach das Firmenbüro mit dabei! Aber der Argwohn ist geweckt: Sind das nicht in Wahrheit Terroristen, die mit ihrem technischen Equipment das Flugzeug kapern wollen? Nein, wollen wir nicht und wir kreuzen auch kein „yes“ auf die Frage an „Do you intend to kill the american president?“. Wir reisen in Wanderschuhen, in deren dicken Sohlen man wunderbar Sprengstoff verstecken kann. Ausziehen bei jedem Sicherheitscheck. Also auf jeden Fall Terroristen! Und nicht etwa Touristen. Wie ähnlich sich die Worte doch bei schneller Aussprache sind?! Wer verbringt seine Freizeit gern in der Wildnis statt in der Stadt? Wir treffen selten auf Verständnis – und meiden umso mehr den Kontakt mit anderen. Erst, wenn wir niemanden sehen, fühlen wir uns nicht mehr fremd, sondern können so sein, wie wir sind. Können die Masken ablegen, die man nur allzu oft aufsetzen muss, um sich in der Gesellschaft überhaupt noch bewegen und wirtschaften zu können. Zeigen unser wahres Gesicht, atmen auf und entspannen.

Immer das Gleiche

Wird es eigentlich nicht langweilig, wenn man ein und dasselbe Ziel immer wieder besucht? Natur-Phänomene sind keine statischen Verbindlichkeiten. Sie verändern sich mit den Jahreszeiten, mit den Jahren und mit jedem Tag – abhängig vom Wetter. Wir Menschen als sinnliche Wesen reagieren sehr individuell auf äußere Einflüsse, von der Wärme auf der Haut über eisigen Wind, Zivilisationslärm oder Vogelgezwitscher bis hin zu Stimmungswechseln vom belebenden Sonnenaufgang über das grelle Mittagslicht bis hin zum romantischen Sonnenuntergang. Wenn man eine Landschaft mehrmals besucht, wird sie nie den exakt gleichen Fußabdruck im Gedächtnis hinterlassen. Ein Besuch ist immer nur eine Momentaufnahme. Zudem steigt in dem Maße, wie man Neues erfährt, die Wahrnehmung. Sie ist wie ein Schrank mit Schubladen. Ist eine Schublade vom Schreiner noch gar nicht gebaut oder verschlossen, kann man sie nicht öffnen und Gesehenes einordnen. Wird dagegen mit den neuen Erfahrungen eine neue Schublade angelegt, füllt sie sich rasch, denn auf einmal nimmt man wahr, was man vorher glatt übersehen hat. Deshalb lohnt es fast immer, eine schöne Location zweimal oder sogar mehrmals zu besuchen.

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Valley of Fire State Park, Nevada

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